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Ansteuern oder Anspannen

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Ansteuern

Erstellt am:

13.03.2026

Ansteuern oder Anspannen

Ansteuern – warum „Muskel fühlen“ nicht bedeutet, Bewegung zu kontrollieren


Heute hatte ich wieder eine dieser Situationen im Training.

Ein Sportler wollte Deadlifts machen. Das Problem: Er kam nur in die untere Position – den Hinge – wenn sein unterer Rücken einrundete.

Mein Cue war einfach:

„Stabilisier deinen Core.“

Seine Antwort kam sofort:

„Das klappt jetzt super. Ich habe viel Bauchmuskeltraining gemacht. Ich kann ihn jetzt viel besser ansteuern.“

Dann passierte Folgendes:

Er spannte seinen geraden Bauchmuskel maximal an. Das Becken kippte nach hinten. Die Lendenwirbelsäule verlor ihre natürliche Lordose.

Genau das also, was zuvor schon im Hinge passierte.

Der Athlet war überzeugt, die Aufgabe korrekt zu lösen. Schließlich konnte er seinen Bauchmuskel deutlich spüren und bewusst kontrahieren.

Und genau hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis.


Ansteuern


Viele Menschen glauben:

Ansteuern bedeutet, einen Muskel bewusst anzuspannen.

In Wirklichkeit bedeutet Ansteuern etwas völlig anderes.

Biomechanisch betrachtet ist diese Vorstellung zu kurz gedacht – und häufig sogar kontraproduktiv. Der Rectus abdominis macht genau das, wofür er gebaut ist: Er zieht das Becken nach hinten und bringt die Wirbelsäule in Flexion.

Im beschriebenen Beispiel verbessert das Bauchmuskeltraining tatsächlich die Kontraktionsfähigkeit. Der Bauch ist knallhart. Doch im selben Moment, in dem die starke Kontraktion den Beckenkamm anhebt, verliert der untere Rücken seine stabilisierende Funktion. Das System kollabiert – und die Spannung, die der Lift benötigt, entweicht wie Luft aus einem Loch im Luftballon.

Der Athlet steuert also durchaus etwas an – nur nicht das Bewegungsmuster, das für einen stabilen Deadlift notwendig wäre.

Es gibt durchaus Bewegungen, bei denen eine segmentale Überbetonung funktionell sinnvoll ist.

Ventral betonte Spannung

Ein Beispiel aus dem Turnen ist der Front Lever. Hier arbeiten Rectus abdominis, Obliqui, Hüftbeuger und Latissimus dominant zusammen, um ein Durchhängen der Hüfte zu verhindern. Der Körper organisiert sich wie eine vordere Spannungsschiene. Der typische „Hollow Body“ verstärkt bewusst die belastete Seite des Hebels.

Dorsal betonte Spannung

Im Gewichtheben dominiert dagegen häufig eine posterior organisierte Spannungslinie. Erector spinae, Gluteus maximus, Hamstrings und Latissimus stabilisieren die Struktur, während die Hüftstreckung den Hauptmotor darstellt. Der Brustkorb bleibt offen, und die Wirbelsäule wird über eine Extensionstendenz stabilisiert.

Global organisierte Spannung

Ein Beispiel für systemisch organisierte Spannung ist der Hardstyle-Kettlebell-Swing. Ventral arbeiten Bauchwand und Zwerchfell über intraabdominalen Druck. Dorsal koppeln Gluteus, Hamstrings, Rückenstrecker und Latissimus. Hinzu kommen Griffspannung, Fußorganisation und Atemdruck. Hier werden lokale Spannungen nicht isoliert erzeugt, sondern zu einer globalen Struktur gekoppelt, die die Last über möglichst viele Segmente verteilt.

Der entscheidende Unterschied liegt im Ziel der Bewegung.


Das Problem


Das grundlegende Problem vieler Trainingsansätze ist die Vorstellung, dass der Körper nach dem Prinzip funktioniert: „Aktiviere Muskel X, um Aufgabe Y zu lösen.“

Der menschliche Körper arbeitet so jedoch nicht. Das Nervensystem denkt nicht in einzelnen Muskeln. Es organisiert Bewegungsstrategien. Eine stabile Bewegung entsteht immer durch das Zusammenspiel mehrerer Strukturen:

– Füße, die den Boden organisieren

– Hüften, die Last aufnehmen

– Rumpfstrukturen, die Kräfte übertragen

– Muskeln, die diese Kräfte produzieren

Diese Elemente arbeiten nicht isoliert, sondern als System.


Ein stabiler Core entsteht deshalb nicht durch das bewusste Anspannen eines einzelnen Bauchmuskels. Er entsteht durch organisierte Spannung im gesamten System – und diese beginnt distal, dort wo der Körper Kontakt zum Boden aufnimmt.

Der Unterschied lässt sich mit einer einfachen Metapher erklären.

Stell dir ein Orchester vor.

Wenn du möchtest, dass ein Musikstück funktioniert, reicht es nicht, wenn ein Instrument besonders laut spielt. Eine Trompete kann perfekt gespielt werden – wenn der Rest des Orchesters nicht organisiert ist, entsteht trotzdem keine Musik.

Bewegung funktioniert genauso.

Ein einzelner Muskel kann maximal kontrahieren – wenn der Rest des Systems nicht koordiniert arbeitet, entsteht keine stabile Bewegung.


Oder anders gesagt:

Ansteuern bedeutet nicht, einen Muskel maximal zu kontrahieren.

Ansteuern bedeutet, Kräfte im Bewegungssystem sinnvoll zu organisieren.


Neuromuskuläre Ansteuerung beschreibt dabei die Fähigkeit des Nervensystems,

– die richtigen Muskeln auszuwählen,

– genügend motorische Einheiten zu rekrutieren,

– diese in der richtigen Reihenfolge zu aktivieren

– und ihre Intensität passend zu dosieren.

Dabei spielen zwei Formen der Koordination eine zentrale Rolle:

  • Intramuskuläre Koordination

    Sie beschreibt, wie viele Muskelfasern innerhalb eines Muskels gleichzeitig aktiviert werden.

  • Intermuskuläre Koordination

    Sie beschreibt, wie gut verschiedene Muskeln zusammenarbeiten.

Technik ist deshalb auch keine statische Position. Sie ist organisierte Muskelaktivität zur richtigen Zeit – unter Last.

Zwei kurze Definitionen helfen, den Unterschied klar zu halten:

Bauch anspannen

= isolierte Kontraktion der Bauchmuskulatur.

Core-Spannung

= koordinierte Stabilisierung des Rumpfes durch Zwerchfell, Bauchwand, Rückenstrecker und Beckenboden unter intraabdominalem Druck.


Der Körper arbeitet nicht in Muskeln.

Er arbeitet in Mustern.


Und genau deshalb ist Kraft nicht nur eine Frage von Muskelmasse oder Muskelgefühl.

Kraft ist vor allem eine Frage der Organisation.


Strength is a Skill.

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