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Dehnen, Beweglichkeit und ein weit verbreitetes Missverständnis

Erstellt am:

16.06.2026

Bewegung nutzen

Vielleicht kennst du diesen Moment.


Du kommst am Trimm-Dich-Pfad vorbei, gehst eine Runde laufen oder wartest darauf, dass dein Trainingspartner erscheint.


Also stellst du die Füße etwas weiter auseinander, beugst dich nach vorne und versuchst, mit den Händen den Boden zu erreichen.


Es zieht.


Und genau deshalb fühlt es sich richtig an.


Unser Gehirn liebt einfache Rückmeldungen. Wenn etwas spannt, haben wir das Gefühl, dass etwas passiert. Wenn etwas brennt, glauben wir, trainiert zu haben. Wenn wir schwitzen, glauben wir, Kalorien verbrannt zu haben. Und wenn es beim Dehnen zieht, glauben wir, beweglicher zu werden.


Daran ist zunächst nichts falsch. Dehnen kann angenehm sein. Es kann beruhigen, den Körper wahrnehmen lassen und nach einem langen Tag das Gefühl vermitteln, etwas für sich getan zu haben.


Spannend wird es erst, wenn wir uns fragen, was Beweglichkeit eigentlich bedeutet.


Die meisten Menschen verstehen darunter die Fähigkeit, eine bestimmte Position einzunehmen. Die Hände berühren die Zehen. Die Kniebeuge wird tiefer. Die Arme kommen weiter nach oben. Je größer die Reichweite, desto beweglicher scheint der Mensch.


Doch im Alltag und im Training zeigt sich etwas anderes.


Beweglichkeit ist nicht die Fähigkeit, eine Position einzunehmen.


Beweglichkeit ist die Fähigkeit, eine Position zu benutzen.


Der Unterschied wirkt zunächst klein, verändert aber die gesamte Sicht auf Bewegung.


Nehmen wir zwei Menschen. Beide können ihre Hände nicht bis zum Boden bringen.


Der erste verbringt jeden Tag einige Minuten damit, an seinen Muskeln zu ziehen. Der zweite bewegt sich regelmäßig in unterschiedlichen Positionen, verlagert sein Gewicht, dreht sich, richtet sich auf, geht in die Hocke und wieder heraus.


Nach einigen Wochen erreichen beide vielleicht etwas weiter den Boden.


Doch sobald sie eine Kiste anheben, auf einem unebenen Weg gehen oder sich spontan nach etwas strecken müssen, zeigt sich der Unterschied.


Der eine hat mehr Reichweite.


Der andere hat mehr Möglichkeiten.


Genau darin liegt der Kern.


Eine Position ist nur dann wertvoll, wenn sie dem Körper zur Verfügung steht. Nicht auf der Yogamatte. Nicht für ein Foto. Sondern im echten Leben.


Wenn du tief in die Hocke kommst, aber dort keine Kontrolle hast, besitzt du die Position nicht wirklich. Wenn du deine Arme weit über den Kopf heben kannst, aber dabei Spannung, Kraft und Orientierung verlierst, kannst du diese Beweglichkeit kaum nutzen.


Der Körper interessiert sich erstaunlich wenig für Rekorde. Er interessiert sich für Lösungen.


Er möchte wissen, ob er eine Situation bewältigen kann.


Kannst du dich bücken und etwas aufheben?


Kannst du dich drehen und nach hinten greifen?


Kannst du auf einem Bein stehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren?


Kannst du eine Treppe hinuntergehen, ohne darüber nachzudenken?


Das sind die Fragen, die der Körper täglich beantwortet.


Vielleicht wirken Kinder deshalb oft so beweglich. Sie verbringen kaum Zeit mit Dehnen. Stattdessen hocken sie, klettern, krabbeln, springen, drehen sich, fallen hin und stehen wieder auf. Sie sammeln ständig neue Bewegungserfahrungen.


Ihre Beweglichkeit entsteht durch Benutzung.


Nicht durch Ziehen.


Mit zunehmendem Alter verlieren wir oft nicht zuerst die Länge unserer Muskeln. Wir verlieren Möglichkeiten. Bestimmte Bewegungen verschwinden aus unserem Alltag. Der Körper spart, was nicht mehr gebraucht wird.


Deshalb reicht es häufig nicht aus, nur an einer Struktur zu ziehen. Sinnvoller kann es sein, dem Körper wieder Gründe zu geben, Bewegungen zu nutzen.


Nicht mehr Reichweite um jeden Preis.


Mehr Vertrauen in Bewegung.


Mehr Kontrolle.


Mehr Optionen.


Dehnen darf dabei weiterhin seinen Platz haben. Es kann angenehm sein, entspannen und kurzfristig Erleichterung verschaffen.


Wer jedoch langfristig fit bleiben möchte, sollte vielleicht weniger fragen:


„Wie weit komme ich in diese Position hinein?“


Und häufiger:


„Was kann ich in dieser Position eigentlich tun?“


Denn echte Beweglichkeit beginnt nicht dort, wo eine Bewegung endet.


Sondern dort, wo sie nutzbar wird.

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